Sonne an einem blauen Himmel

Wenn ich mich mit dem Spirit der Erde und der Natur unterhalten kann, müsste es doch auch mit dem Spirit des Corona-Virus funktionieren, oder? Das möchte ich heute einfach mal ausprobieren.

Ich frage den Spirit, der sich am Anfang zeigt: Kann ich mich mit dem Corona-Virus unterhalten? Also, natürlich ohne mich anzustecken oder so.

Ohne direkt zu antworten, ruft der Spirit den Spirit des Coronavirus herbei. Dieser hat im Gegensatz zu den Spirits, mit denen ich mich normalerweise unterhalte, keine menschliche Gestalt, sondern ist ein großer milchig-gelber Kreis mit verwaschenen Rändern. Zumindest hat er darin eine Art Gesicht, so dass ich sehen kann, dass er nicht besonders glücklich über unser Interview zu sein scheint.

Ich: Du wirkst frustriert.

Corona: Ich werde herumgehetzt von den Menschen. Nirgends kann ich bleiben.

Ich: Aber du hast dich schon ziemlich stark ausgebreitet.

Corona: Ja, aber überall, wo ich hinkomme, ist Geschrei und Gezeter.

Ich: Naja, was erwartest du? Dass du mit offenen Armen empfangen wirst?

Corona: Nein, dass ich nicht bemerkt werde. Ich will doch nur ein ganz ruhiges Leben führen. Ich will gar nicht so im Mittelpunkt stehen.

Ich: Dann solltest du vielleicht nicht so viele Menschen umbringen.

Corona: Ich weiß. Ich bin noch ein Anfänger. Das mache ich ja nicht mit Absicht. Ich habe ja auch nichts davon.

Ich: Wie kommt es dann, dass du tödlich bist?

Corona: So ein bisschen haben wir das ja alle in uns. Es ist nicht so einfach, das richtige Maß zu finden, dass man als Virus nicht ganz vom Immunsystem getötet wird, aber auch nicht den Menschen tötet. Im Übrigen seid ihr gar nicht so viel besser als wir. Ihr wollt überleben und zerstört dabei euren Wirt, die Erde. (wütend:) Also ihr braucht uns ganz bestimmt keine Lektionen zu erteilen! So ist das Leben auf der Erde halt, man versucht zu überleben. Aber keiner will das gesamte Leben der anderen auslöschen, weil man gegenseitig abhängig ist. Das ist die Herausforderung in diesem Leben auf der Erde.

Ich: Hm, da hast du wohl recht. Nur stehen wir halt auf der anderen Seite von euch.

Corona: Ach, teilweise habe ich es ja ganz gut hinbekommen, dass ihr und ich zusammen leben konnten. Manche Menschen bemerken mich ja gar nicht. Ich danke ihrem Immunsystem.

Ich: Du meinst, wir sollten nicht denken, dass wir dich bekämpfen müssen?

Corona: Das ist meistens nicht notwendig (abgesehen vom Immunsystem). Ich will auch nicht immer der Böse sein!

Er guckt traurig.

Ich: Aber die Menschen haben nun mal Angst vor dir.

Corona: Ja, das verstehe ich ja auch teilweise. Ich weiß ja auch nicht. Stärkt euer Immunsystem. Aber nicht zu stark!

Ich: Naja, zu stark wäre ja nicht so schlimm. Wir können ja auch ohne dich leben.

Er seufzt. Das frustriert ihn anscheinend.

Da fällt mir der Satz ein: Die Erde kann auch ohne den Menschen leben, aber der Mensch nicht ohne die Erde. Es ist, als würde das Virus uns einen Spiegel vorhalten.

Ich: Tja, und was machen wir jetzt?

Der Corona-Spirit zuckt betrübt mit den Schultern. Ich fürchte, wir kommen hier zu keiner Lösung. Als Schweigen eintritt, schickt der Spirit vom Anfang den Corona-Spirit tröstend weg.

Zu mir sagt er: Nutzt diese Situation, um Mitgefühl für die Erde zu entwickeln. Die Erde hat übrigens keine Intensivstation und keine Maßnahmen zum Schutz vor euch Menschen.

Ich: Na, es gibt zumindest Umweltschutzorganisationen und viele Maßnahmen etc.

Spirit: Ja, aber das reicht nicht.

Ich: Hm. Und dabei sind wir doch intelligenter als ein Virus, oder??

Spirit: Auf eine andere Art intelligent. Was bringt euch eine Wertung von Intelligenz? Doch bloß Arroganz und Überlegenheitsgefühl. Aber ihr seid nichts Besseres als andere Lebewesen hier. Ihr gehört zum Ökosystem Erde: Allein seid ihr nichts und nicht überlebensfähig. Also welche Rolle spielt dann Intelligenz?

Ich: Na, dass wir besonders gut überleben können, zum Beispiel.

Spirit: Bis jetzt vielleicht. Aber wenn man es von Beginn bis Ende einer Spezies betrachtet … Wenn das Virus euch am Ende überlebt – wer war dann intelligenter? Das Virus ist sehr flexibel und mutiert schnell. Ist das keine Form von Intelligenz?

Ich: Es würde wohl auch nie die gesamte Menschheit töten. Hm, ist es dann nicht sogar intelligenter als die Menschen …? Eigentlich müssten wir mehr Angst vor uns selbst haben als vor dem Virus, denn wir haben das Potenzial, uns auszulöschen … Und wir sind schon auf einem ganz guten Weg dorthin. Aber die PR für bzw. gegen das Virus scheint stärker zu sein als die PR gegen den Klimawandel und die Umweltzerstörung. Oder woran liegt es, dass wir bei dem Virus so panisch werden, und plötzlich so viele Veränderungen möglich sind (Homeoffice, Flüge canceln etc.). Das wäre ja beim Klimaschutz schließlich auch sehr nützlich. Aber für das Klima tut es kaum jemand.

Spirit: Was die Umweltprobleme betrifft, fühlt ihr euch in Sicherheit. Das Virus rückt schneller vor als zum Beispiel der Klimawandel. Und es ist besser messbar durch Todeszahlen.

Ich: Ja, stimmt. Es sterben zwar auch Menschen an Luftverschmutzung, aber es heißt dann, dass sie an Lungenkrankheiten starben. Es klingt nicht so eindeutig wie bei einem Virus und ist etwas schwammig. Es breitet sich auch nicht so schnell und unkontrollierbar aus. Wenn man am eigenen Wohnort saubere Luft hat, fühlt man sich nicht betroffen. Das Virus kann – zumindest theoretisch  -JEDEN treffen. Außerdem haben wir uns an die Umweltangst gewöhnt. Vom Klimawandel hören wir schon seit Jahrzehnten und sind abgestumpft. Das Virus ist neu. Dadurch hat es mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Fukushima hatte auch eine stärkere Wirkung auf uns, weil es so plötzlich und überraschend passierte. Möchtest du noch etwas dazu sagen?

Spirit: Bleibt dran. Jetzt herrscht gerade eine Stimmung für Veränderung. Nutzt diese Stimmung, verändert etwas zum Positiven für die Welt und die Menschen.

Ich bedanke mich bei ihm und verabschiede mich.

„Das Virus ist nicht so tödlich für die Menschheit wie die Menschheit selbst“ – Ein Interview nicht über sondern mit Corona

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